Fruchtbarkeit als Gesundheitskompetenz Part II – Warum dieses Thema einen festen Platz in der Sexualpädagogik verdient
In meinem letzten Blogartikel #4 habe ich einige meiner Gedanken geteilt, warum ich denke, dass das Thema Fruchtbarkeit eine wichtige Gesundheitskompetenz darstellt und warum ein sexualpädagogischer Rahmen genau das richtige ist, um dieses Wissen zu teilen. Diese Gedanken möchte ich heute weiter ausführen. Also viel Spaß beim Lesen.
Ein besseres Verhältnis zum eigenen Körper
In Gesprächen erlebe ich immer wieder, dass viele Menschen ihrem Körper vor allem dann Aufmerksamkeit schenken, wenn etwas nicht funktioniert. Der Körper wird häufig als Problem wahrgenommen, das optimiert, kontrolliert oder korrigiert werden muss. Uns allen ist sicherlich klar, dass dieser kritische Blick auf unsere Körper kulturell geprägt und erlernt ist. Diese verkürzte, defizitorientierte Wahrnehmung ist selbstredend alles andere als gesundheitsförderlich.
Zum Glück hält die Erkenntnis, dass ein „positives“ Körperbewusstsein etwas ist, was erlernt und entsprechend auch gefördert werden kann, verstärkt Einzug in unterschiedlichste Professionen und Arbeitsbereiche. Ich sehe es als Aufgabe von Fachkräften in sozialen und medizinischen Berufen, Zugänge zu finden, um Menschen bei der Entwicklung eines gesundheitsförderlichen Körperbewusstseins zu unterstützen. Womit wir beim Thema Fruchtbarkeit angelangt sind. Die Beschäftigung mit Fruchtbarkeit sehe ich als einen solchen Link zum eigenen Körper. Wer lernt, den eigenen Zyklus oder andere körperliche Signale zu beobachten, beginnt häufig, den Körper nicht mehr als Gegner, sondern als Kommunikationspartner wahrzunehmen. Plötzlich werden Veränderungen nicht nur als störend erlebt, sondern als Informationen deren Aussagekraft wahrgenommen werden kann. Der Zyklus wird nicht mehr ausschließlich als monatliche Blutung verstanden, sondern als Ausdruck eines komplexen hormonellen Zusammenspiels. Fruchtbarkeit wird nicht mehr nur mit Kinderwunsch verbunden, sondern als Teil der eigenen Gesundheit betrachtet.
Dieses Verständnis kann dazu beitragen, mehr Vertrauen in den eigenen Körper zu entwickeln und die Beziehung zu ihm langfristig zu verbessern.
Fruchtbarkeit als Gesundheitsprävention
Besonders spannend finde ich die Rolle der Fruchtbarkeit als Gesundheitsindikator. Ein regelmäßiger Eisprung, Veränderungen des Zervixschleims oder bestimmte Zyklusmuster können Hinweise darauf geben, wie es dem Körper geht. Gleichzeitig können Veränderungen ein frühes Signal dafür sein, dass etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Stress, Schlafmangel, chronische Erkrankungen, Nährstoffmängel oder hormonelle Veränderungen finden häufig ihren Ausdruck in der reproduktiven Gesundheit. Wer entsprechende Signale wahrnehmen und einordnen kann, hat die Möglichkeit, früher Unterstützung zu suchen und präventiv tätig zu werden.
Auch Menschen mit Hoden können von diesem Blick auf die eigene Fruchtbarkeit profitieren. Obwohl die körperlichen Zeichen oft weniger offensichtlich sind als bei einem Menstruationszyklus, liefern beispielsweise Libido, Energielevel, Morgenerektionen oder Veränderungen der Hoden wichtige Hinweise auf die hormonelle und allgemeine Gesundheit.
Fruchtbarkeit ist deshalb kein reines Frauenthema. Sie ist ein Gesundheitsthema.
Warum ich darüber sprechen möchte
Wenn ich von Fruchtbarkeit spreche, geht es mir nicht darum, Menschen zu einem Kinderwunsch zu bewegen oder bestimmte Lebensentwürfe zu fördern.
1. Mir geht es um Wissen, was allen Menschen zugänglich sein sollte.
2. Mir geht es darum, dass Menschen ihren Körper und so auch sich als Ganzes besser verstehen können.
3. Mir geht es um mehr Selbstbestimmung, mehr Gesundheitskompetenz und mehr gemeinsame Verantwortung.
4. Und mir geht es darum, Fruchtbarkeit aus der Tabuzone herauszuholen und sie als das zu betrachten, was sie auch ist: ein wichtiger Bestandteil unserer Gesundheit.
Und das passt zur sexuellen Bildung!!?
Abschließend möchte ich nochmal zusammenfassen, sexuelle Bildung und Sexualpädagogik ist viel mehr als über „Geschlechtsverkehrt“ zu sprechen. Sondern regt dazu an sich selbst auf unterschiedlichen Ebenen besser kennenzulernen. Sich selbst als Menschen mit Wünschen, Bedürfnissen aber auch Grenzen kennenzulernen. Sich mit Werten und gesellschaftlichen Vorgaben auseinanderzusetzen. Und natürlich sich als körperlich Wahrzunehmen und sich im besten Fall im Sinne des eigenen körperlichen und seelischen Wohlbefinden zu verhalten (siehe dazu auch #3 Sexualpädagogik? Was ist das nochmal?).
Ich denke, dass ein Rahmen, der all diese Punkte Aufgreift, genau der richtige ist, um das Thema Fruchtbarkeit als Gesundheitskompetenz zu platzieren. Denn wie gesagt, es geht dabei um so viel mehr als den Kinderwunsch.
Was denkst du? Stimmst du meinem Ansatz zu oder siehst du es ganz anders? Schreib mir gerne!
Bis dahin =)
Laura von Blut&Rausch
